Interview mit Dr. Guido Austen: Wasserstoff und Wassersicherung in Westholstein
Wie gelingt die Energiewende vor Ort? Welche Chancen bietet Wasserstoff für unsere Region – und wie sichern wir gleichzeitig die Versorgung mit Trink- und Prozesswasser? Dazu haben wir mit unserem Geschäftsführer Dr. Guido Austen ein ausführliches Gespräch geführt.
Deutschland hat sich ambitionierte Energie- und Klimaziele gesetzt: Bis 2045 soll Treibhausgasneutralität erreicht werden. Welche Rolle kann Wasserstoff aus Ihrer Sicht dabei spielen?
Dr. Guido Austen:
„Wasserstoff ist der Champagner der Energiewende – und das nicht ohne Grund. Er ist keine Primärenergie, sondern ein vielseitiger Energieträger. Besonders für die Industrie, chemische Prozesse und energieintensive Verfahren wird er in Zukunft unverzichtbar sein. Für den Individualverkehr hingegen gibt es mit Batterien bereits praktikable Alternativen. Das zeigt: Unsere Energieversorgung muss künftig breiter und vielfältiger aufgestellt werden – und genau hier spielt Wasserstoff eine Schlüsselrolle.“
Wasserstofftechnologien gelten nicht nur als Schlüssel für den Klimaschutz, sondern auch als Motor für neue Industrien mit zukunftsfähigen Arbeitsplätzen und Exportchancen. Inwiefern bietet sich die Region Westholstein als geeigneter Standort für Wasserstoffansiedlungen an?
Dr. Guido Austen:
„Unsere Region zählt zu den klaren Gunststandorten in Europa, wenn es um Wasserstofftechnologien geht. Wir verfügen hier über ausreichend grüne Energie – insbesondere durch Windkraft, sowohl offshore als auch onshore. Die Lage zwischen den Meeren verschafft uns einen einzigartigen Vorteil: Wir haben sowohl Zugang zu Wasser als auch zu erneuerbarer Energie in unmittelbarer Nähe. Besonders Brunsbüttel spielt dabei eine Schlüsselrolle, da sich dort verschiedene Energienetze bündeln und hervorragend vernetzt sind. Das ist ein europaweit herausragender Wettbewerbsvorteil.“
Ein wichtiges Ziel der Nationalen Wasserstoffstrategie ist es, auch langfristig eine sichere Versorgung mit hochwertigem und bezahlbarem Trinkwasser zu gewährleisten. Wie kann dies speziell in unserer Region gelingen?
Dr. Guido Austen:
„In unserer Region steht grundsätzlich ausreichend Wasser zur Verfügung – allerdings in unterschiedlichen Qualitäten. Für die Bevölkerung benötigen wir hochwertiges Trinkwasser, daneben gibt es Prozesswasser und Kühlwasser, die in Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft eine zentrale Rolle spielen. Alle drei Typen werden gebraucht, um die Bedarfe zuverlässig abzudecken.
Die Aufbereitung von Wasser ist technisch möglich, sie erfordert jedoch erhebliche Energiemengen. Zudem entstehen Abfallstoffe, die weiterverwertet oder entsorgt werden müssen. Besonders bei Prozesswasser sind die Anforderungen sehr hoch: Chemisch betrachtet handelt es sich um ein besonders reines Produkt, dessen Herstellung aufwendig ist. Deshalb müssen wir bei allen Planungen sowohl Menge als auch Qualität der Wasserressourcen im Blick behalten.“
Der Wasserbedarf in unserem Wirtschaftsraum wird in den kommenden Jahren voraussichtlich steigen – nicht zuletzt durch mögliche Großansiedlungen. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein, und welche Maßnahmen sind notwendig, um den wachsenden Bedarf zu decken?
Dr. Guido Austen:
„Wie schon erwähnt, ist die Bereitstellung von Trink-, Prozess- und Kühlwasser mit erheblichem Aufwand verbunden. Bisher wird der größte Teil des Bedarfs noch über Trinkwasser gedeckt – das ist jedoch weder nachhaltig noch zukunftssicher. Durch den Klimawandel ist unklar, wie sich die Grundwasserneubildung entwickeln wird. Daher ist es sinnvoll, diese Quelle zu schonen und verstärkt auf andere Wasserressourcen zurückzugreifen. Hier setzt das Wasserstoffkonzept an: Es analysiert Bedarfe und verfügbare Wasserquellen und schafft damit die Grundlage für eine gezielte Steuerung der Versorgung. Zusätzlich lässt sich Wasser, das bereits im Kreislauf vorhanden ist, stärker nutzen – etwa durch Recycling oder Upcycling von Abwasser. So kann der steigende Bedarf gedeckt werden, ohne die natürlichen Ressourcen übermäßig zu belasten.“
Die egw engagiert sich gemeinsam mit Partnern sehr stark in diesem Themenfeld. Was sind die Beweggründe dafür, und welche Ziele verfolgen Sie dabei konkret?
Dr. Guido Austen:
„Die Wasserversorgung ist eine übergeordnete Aufgabe, die alle Akteure betrifft – deshalb ist ein gemeinsamer, übergreifender Blick entscheidend. Für unser Unternehmen spielt dieses Thema schon seit 50 Jahren eine zentrale Rolle und hat eine hohe Relevanz für unsere tägliche Arbeit. Gleichzeitig gehört es zu unseren Kernaufgaben, die industrielle und gewerbliche Entwicklung in der Region zu fördern – und Wasser bildet dabei die elementare Grundlage. Ohne eine sichere und nachhaltige Wasserversorgung wären viele Projekte und Ansiedlungen schlicht nicht möglich.“